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Schirmer
Jochen Schirmer
Kunstmaler


Arbeitskreis


60 Jahre
Fischwirtschaft
in Rostock Marienehe



Bilder vom Fischereihafen aus den Jahren 1950 bis 1990 und nach der Wende 1990

Fischereihafen




Ständige Ausstellung
Hochseefischerei 1950-1990

Societät Rostock maritim e.V.


"Berlin" ohne Berliner

1974

von Walter Fritzsche

Unter den kleinen Fischdampfern der DDR findet man auf den Fangplätzen zwischen Georgesbank bis Labrador einen Trawler, der den Namen der Hauptstadt der DDR durch dichte Eisfelder getragen hat, also quer über den Atlantik bis zur Haustür der USA. Er zählt zu den ältesten Trawlern des Rostocker Fischkombinates.

Sein Alter kann er weder außen noch innen leugnen. Wüchse einem solchen Schiffsveteranen ein Bart, so wäre er so lang, dass sich in ihm Kabeljau wie Heringe verfangen könnten. Was reibende Eisschollen und aggressives Salzwasser dieser rostbraun gewordenen Nussschale in 21 Fischereijahren auch antun konnten, eines ist an diesem Trawler “Berlin“ - ROS 205 bemerkenswert jung: die Besatzung. Kapitän Klaus Möller selbst zählt mit seinen 33 Jahren zu den jungen Kapitänen der Rostocker Fischereiflotte. Seine Besatzung ist noch jünger. Nicht wenige unter den Fischersleuten bilden den sogenannten eisernen Stamm. Diese erfahrenen Fahrensleute dampften mit ihrem Kapitän schon durch dickes Grönlandeis, das sich oft mehrere Meter über die Bordwand hochschob.

Sie meisterten auf See so manche riskante Reparatur an veralteten Maschinenteilen, die früher nur an Land gewechselt wurden. Sie fingen durch weniger Ausfallzeit mehr Hering, Makrele und manchmal auch Sardinen. Mit gutem Lohn für schwere Arbeit ging es dann nach Hause.

Seit kurzer Zeit aber ist dieser Veteran zu einem Fischmehl-Taxi umfunktioniert worden. Die 26 köpfige Besatzung übernahm jüngst auf der Georgesbank von anderen Fischereifahrzeugen das aus Verarbeitungsresten produzierte Fischmehl zum Transport in den Heimathafen nach Rostock. Dort ist das zu gestiegenen Weltmarktpreisen gehandelte Futtermittel ebenso gefragt wie in anderen Ländern. Dass die jungen Seeleute auf dem alten Trawler neuerdings nicht mehr aktiven Fischfang betreiben können, nagt zwar etwas an der Berufsehre, aber ihre neue Aufgabe wissen sie dennoch zu meistern. “Das Geld stimmt, wenn die Bunker voll sind“, hört man oft an Bord. Über die schwere Arbeit beim Verstauen der zentnerschweren Fischmehl-Säcke gäbe es nicht viel zu schreiben, wehrten die Fischer meine Fragen ab. Aber es sei Alltag ohne große Abwechslung.

In ihrer Freiwache angeln sie manchmal einen Hai, präparieren seltene Fische, basteln in ihren beengten Mini-Kammern an kleinen Überraschungen für die Familie zu Hause. Sie lesen Bücher, ärgern sich über die nicht mehr funktionierende Kino-Anlage in ihrer Messe. Auf den 14-tägigen Heimreisen allerdings ist fast jeder Tag auf dem Ozean interessanter. Da ist mehr Zeit für Sportvergleiche, für Bordabende mit Hausbar unter Mondlicht, für das FDJ-Schuljahr und für weitere Qualifizierung. Bord-Parteisekretär Matrose Karl Richter und der 1. Nautische Offizier Gerhard Hübe! haben neben Kapitän und anderen Bordmitgliedern mehr als sonst zu tun, um Wettbewerbe zu veranstalten und Kräfte zu messen.

Im monatlichen Treffpunkt mit dem Kapitän wird von der staatlichen Planaufgabe bis zur weiteren Modernisierung der Hochseefischerei alles erörtert, worauf die jungen Seeleute mit Recht Einfluss nehmen wollen. FDJ-Sekretär Manfred Monat, Netzmacher, ist damit zwar zufrieden, aber was ihm und dem Kapitän keine rechte Ruhe lässt, ist der Mangel an Verbindung zur Hauptstadt, deren Namen das Schiff stets in Ehren trägt. Kapitän Möller selbst, seit 1971 in dieser Funktion auf der “Berlin“, bemühte sich vom ersten Tage an um dauerhafte Kontakte, aber das Echo blieb aus. “Wenn wir wenigstens zu einer Berliner Schule oder zu einer FDJ-Gruppe in der Hauptstadt Verbindungen hätten, hörte ich an Bord immer wieder in den Gesprächen über die Beziehungen zur Heimat. “Wir haben nicht einmal einen waschechten Berliner auf der “Berlin“, über den wir Kontakte zu Spree-Athen halten könnten“, sagte der Kapitän.

Bevor ich während meines mehrwöchigen Arbeitsbesuchs bei DDR-Fischern wieder zu einem anderen Trawler übersetzte, legten mir die Fischer sozusagen ihre Bitte mit ins Schlauchboot. Ich sollte über die “Berliner Zeitung“ quasi ein Fangnetz für bleibende Kontakte auswerfen. Ein humoriger dicker Maschinist aus Meißen rief mir noch nach: „Und merk Dir: wir sind kein stattlicher Superfrachter mit dickem Repräsentationsfonds, sondern ein Fischmehl-Taxi mit Atlantik-Duftnote. Wer mit unserem alten Pott Freund werden will, der muss vor allem ein weites Herz für die Jugend haben, möglichst so groß wie unsere Hauptmaschine oder so groß, wie es im Herzen unseres Kapitäns schlägt“.

 




Letztes Update: 02.02.2011, 15:06 Uhr
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